Zwei Perspektiven, ein Ziel – Anästhesiepflegende und ärztliches Personal im Dialog
4. September 2026
Anästhesie Journal Nr. 3 September 2026
Die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Anästhesiepflegenden und ärztlichem Personal in der Anästhesie ist essenziell für den Erfolg perioperativer Prozesse und die Sicherheit der Patient:innen. Doch wie sehen sich diese beiden Berufsgruppen gegenseitig? In unserer Interviewserie beleuchten wir die Dynamik dieser Partnerschaft aus beiden Blickwinkeln. Damit möchten wir die interprofessionelle Zusammenarbeit in der Anästhesie fördern und Impulse für deren Weiterentwicklung geben.
In dieser Ausgabe beantworten Geremia Gervasoni, dipl. Experte Anästhesiepflege NDS HF, und Chefarzt PD Dr. med. Paolo Maino unsere Fragen.
Geremia Gervasoni, dipl. Experte Anästhesiepflege NDS HF, Stationsleiter
Warum hast du den Beruf der Anästhesiepflege gewählt?
Meine Wahl entstand aus früheren Erfahrungen im ausserklinischen Rettungsdienst und aus der Begegnung mit einer erfahrenen Anästhesiepflegekraft. In einem prähospitalen Einsatz konnte ich beobachten, wie viel Fachwissen, Reaktionsschnelligkeit und Selbstständigkeit bei der Durchführung eines solchen Einsatzes erforderlich sind. Das hat mich geprägt und mein Interesse geweckt.
Mich faszinierte ein Berufsprofil, das Notfall- und Akutmedizin, Intensivmedizin, Technik und die Beziehung zu den Patient:innen verbindet. Gerade in der Anästhesie muss man rasch Vertrauen zu Patient:innen aufbauen und sich gleichzeitig in verschiedenen Bereichen sicher handeln. Im Tessiner Kontext und im Team des Civico in Lugano habe ich erlebt, dass diese Autonomie tatsächlich gelebt wird. Später öffnete mir der Beruf auch den Weg in Leitungsaufgaben.
Was schätzt du an deinen ärztlichen Kolleg:innen in der Anästhesie?
Ich schätze besonders die enge, direkte Zusammenarbeit mit den Anästhesieärzt:innen. In der Anästhesie ist die Beziehung zwischen ärztlichem und pflegerischem Personal besonders dynamisch, weil beide Berufsgruppen Kompetenzen und Verantwortung teilen und gemeinsam operative Entscheidungen treffen.
Dieser Austausch ermöglicht hohe Qualitätsstandards und fördert ein modernes Kooperationsmodell, in dem ärztliche und pflegerische Tätigkeit einander ergänzen. Diese Synergie stärkt die Teamarbeit, verbessert die Versorgungsqualität und unterstützt die berufliche Entwicklung aller Beteiligten.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit deinen ärztlichen Kolleg:innen in der Anästhesie?
Die Zusammenarbeit findet auf mehreren Ebenen statt. Klinisch und operativ stimmen Anästhesieärzt:innen und Anästhesiepflege gemeinsam die für die Patient:innen und den jeweiligen Eingriff passende Strategie ab. Auf organisatorischer Ebene findet ein kontinuierlicher Austausch statt, um Abläufe zu planen, Ressourcen zu steuern und gemeinsame Entscheidungen zu treffen.
In der Praxis arbeiten ärztliche und pflegerische Fachpersonen häufig als eingespieltes Team. Das ermöglicht gut organisierte Saalwechsel und Operationsabläufe sowie eine schnelle Reaktion in Notfallsituationen. Verbesserungspotenzial gibt es immer, besonders in der Kommunikation. Insgesamt ist dieses Modell funktional und effizient.
Hast du bereits von der kontinuierlichen Praxisentwicklung im Bereich der Anästhesiepflege gehört? Was denkst du darüber?
Die kontinuierliche Weiterentwicklung der klinischen Praxis gehört für mich zum Kern der Anästhesiepflege. Der Beruf steht nie still: Medizintechnik, wissenschaftliche Erkenntnisse, Bedürfnisse der Patient:innen und organisatorische Anforderungen verändern sich laufend.
Darum müssen Kompetenzen aktuell bleiben – auch für Situationen, die nicht täglich auftreten. Dafür braucht es interne und externe Fortbildung, postgraduale Programme und berufliche Weiterbildung. Kontinuierliche Weiterbildung ist für mich nicht nur notwendig, sondern eine berufliche Pflicht.
Was wünschst du dir für die Zukunft der Anästhesist:innen?
Ich hoffe, dass die Präsenz der Anästhesist:innen stabil und gut integriert bleibt, sowohl im Operationssaal als auch in den ausseroperativen Bereichen. Ihr Beitrag ist entscheidend, um die Qualität, Sicherheit und Angemessenheit der Versorgung zu gewährleisten.
Gleichzeitig sieht sich das Gesundheitssystem zunehmend mit der Notwendigkeit konfrontiert, Ressourcen und Kosten zu optimieren. Deshalb ist es wichtig, dass zukünftige Entscheidungen nicht nur von wirtschaftlichen Kriterien geleitet werden, sondern durch eine ausgewogene Bewertung der tatsächlichen klinischen und pflegerischen Bedürfnisse.
Ich hoffe, dass sich die Zusammenarbeit zwischen Anästhesist:innen und Anästhesiepflegenden weiter festigt und auf komplementären Kompetenzen, klar definierten Rollen und echtem Teamgeist beruht, damit auch in Zukunft die zentrale Rolle dieser Fachkräfte in der modernen Medizin anerkannt und geschätzt wird – nicht nur wegen ihrer hohen technischen Kompetenz, sondern auch wegen des tiefen menschlichen Wertes, der jede Handlung, jede Entscheidung und jede übernommene Verantwortung begleitet, oft abseits des Rampenlichts.
Kontakt
Geremia Gervasoni
Dipl. Experte Anästhesiepflege NDS HF
Stationsleiter Anästhesie, Ospedale Regionale di Lugano, Ente Ospedaliero Cantonale
PD Dr. med. Paolo Maino, Chefarzt
Warum bist du Anästhesist geworden?
Ich bin Anästhesist geworden, weil mich diese Fachrichtung von Anfang an durch die Kombination aus medizinischem Wissen, technischen Fertigkeiten, manuellen Fähigkeiten und Teamarbeit fasziniert hat. Besonders beeindruckt hat mich die Möglichkeit, die Wirkung der verabreichten Therapien oft unmittelbar beobachten zu können. Auch der Operationssaal als dynamisches Umfeld und die Möglichkeit, Schmerzen wirksam zu lindern, motivieren mich bis heute.
Was schätzt du an deinen Kolleg:innen aus der Anästhesiepflege?
Ich schätze ihre hohe fachliche Kompetenz, Zuverlässigkeit und praktische Erfahrung. Sie denken Situationen voraus, setzen Prioritäten und handeln auch in kritischen Momenten ruhig und professionell.
Ebenso wichtig sind ihre Nähe zu den Patient:innen, ihre Aufmerksamkeit für Details und ihr Verantwortungsbewusstsein. Expert:innen in Anästhesiepflege sind unverzichtbare Partner:innen im klinischen Alltag und entscheidend für die Patientensicherheit und die Qualität der perioperativen Versorgung.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit deinen Kolleg:innen aus der Anästhesiepflege?
Die Zusammenarbeit basiert auf Respekt, Vertrauen und einem gemeinsamen Ziel: den Patient:innen die bestmögliche Versorgung und maximale Sicherheit zu gewährleisten. In der Anästhesie ist gute Zusammenarbeit keine Option, sondern eine Voraussetzung.
Ärztliches und pflegerisches Personal bringen unterschiedliche, aber sich ergänzende Kompetenzen ein. Wenn diese in einem Klima von Offenheit, Zuhören und professioneller Wertschätzung zusammenkommen, entsteht eine echte interprofessionelle Partnerschaft. Das zeigt sich besonders im Operationssaal, in der Prämedikation, bei komplexen Verläufen und in akuten Situationen.
Hast du bereits von der kontinuierlichen Praxisentwicklung im Bereich der Anästhesiepflege gehört? Was denkst du darüber?
Ja, und ich halte sie für sehr wichtig. Die Anästhesie entwickelt sich medizinisch, technisch, organisatorisch und im Bereich der Sicherheit laufend weiter. Deshalb muss sich auch die klinische Praxis der Anästhesiepflege strukturiert weiterentwickeln.
Darin sehe ich eine grosse Chance: für den Berufsstand, für die Versorgungsqualität und für die Attraktivität des Berufs.
Kontinuierliche Praxisentwicklung stärkt die berufliche Identität, fördert die kritische Reflexion, unterstützt gemeinsame Standards und festigt die Rolle der Expert:innen Anästhesiepflege im interprofessionellen Kontext.
Was wünschst du dir für die Zukunft der Anästhesiepflege?
Ich wünsche mir, dass Expert:innen Anästhesiepflege weiterhin die ihnen gebührende Anerkennung auf fachlicher, institutioneller und menschlicher Ebene erhalten. Dazu gehören gute Rahmenbedingungen, angemessene Ressourcen, hochwertige Aus- und Weiterbildung sowie echte Entwicklungsperspektiven für erfahrene Fachpersonen.
Ebenso wünsche ich mir, dass wir die interprofessionelle Zusammenarbeit weiter stärken und eine Kultur pflegen, die auf Respekt, Kompetenz, Verantwortung und Arbeitszufriedenheit beruht. Starke und motivierte Teams sind eine Voraussetzung für Patientensicherheit und hochwertige perioperative Medizin.
Wichtig bleibt auch die menschliche Dimension unseres Berufs: direkter Kontakt, Zuhören, beruhigende Präsenz und empathische Kommunikation. Diese Werte müssen auch in Zukunft zentrale Werte unseres Berufs bleiben.
Kontakt
PD Dr. med. Paolo Maino
Chefarzt Anästhesie, Ospedale Regionale di Lugano, Ente Ospedaliero Cantonale